Leitlinie zur Entscheidungsfindung über die Anlage einer PEG nach den medizinethischen Prinzipien:

  • Das Wohlergehen des Patienten fördern
  • Dem Patienten keinen Schaden zufügen
  • Die Selbstbestimmung des Patienten respektieren, fördern und durch gute Aufklärung unterstützen
  • Die medizinische Versorgung gerecht verteilen, im Hinblick auf den verantwortungsvollen Umgang mit den Ressourcen

1. Die Anlage einer perkutanen endoskopischen Gastrotomie ( PEG ) ist ein
medizinischer Eingriff, der grundsätzlich der schriftlichen Einwilligung des
Patienten bedarf. Voraussetzung dieser Maßnahme ist immer der konkret
vorliegende oder mutmaßliche Patientenwille. Zu berücksichtigen ist
stets die medizinische Indikation und die Selbstbestimmung des Patienten.

Die Entscheidung zur Anlage einer PEG ist in keinem Falle eine dringliche
Entscheidung. Es bleibt immer ausreichend Zeit, die Grundlagen
hierfür mit aller Sorgfalt zu erarbeiten. Hierzu sind sowohl das verantwortliche
ärztliche als auch nichtärztliche Personal verpflichtet.

2. Welche medizinischen Indikationen liegen vor?
Hierzu gehören zum Beispiel:

2.1. Vorübergehende oder dauerhafte Passagestörung z.B durch einen Tumor.

2.2. Passagere neurologisch bedingte Schluckstörung, bei der Besserung zu
erwarten ist, z. B. cerebrale Ischämie. Dauerhafte Schluckstörung bei
progredienten neurologischen Leiden und erhaltener intellektueller
Leistungsfähigkeit z.B. ALS.

2.3. Eine intensivpflichtige Erkrankung mit z.B. Langzeitbeatmung, bei der die PEG
eine optimale Ernährung gewährleistet.

Keine Indikation für eine PEG liegt am Lebensende vor, außer zur Entlastung bei chronischem Erbrechen.
Eine PEG verbietet sich bei desorientierten, aggressiven Patienten, die zur Sicherung der PEG einer Fixierung bedürfen.

Nach bisheriger Erkenntnis wird das Leben bei fortgeschrittener Demenz und
Immobilität durch eine PEG nicht verlängert und die Lebensqualität nicht verbessert.

3. Liegt eine Patientenverfügung vor, aus der die Ablehnung einer PEG abzuleiten
ist, so ist diese zu berücksichtigen. Liegt eine Betreuung vor, ist jede
Entscheidung mit dem BetreuerIn, ansonsten mit den Angehörigen abzustimmen.
Im Streitfall muss das Amtsgericht hinzugezogen werden und entscheiden.

4. Bei eingeschränkter oder aufgehobener Willensäußerung des Patienten, sind
unterschiedliche Aspekte zu beachten:

4.1. Bei einem Patienten im Wachkoma liegt nach Auffassung der
Bundesärztekammer eine klare Indikation für eine PEG zur adäquaten
Ernährung vor, sofern von Seiten des Patienten hierzu keine Gegenäußerung
- in Form einer Patientenverfügung vorliegt
- der mutmaßlich festgestellte Wille des Patienten der Maßnahme nicht
entgegen steht

(Siehe Gesetz zur Änderung des Betreuungsrechts vom 29.07.2009,
BGBI.2009 Teil I Nr. 48, S.2286 § 1901a Patientenverfügung § 1901b
Gespräch zur Feststellung des Patientenwillens).

4.2. Bei fortgeschrittener dementieller Entwicklung mit Bettlägrigkeit ist eine
sorgfältige Sozialanamnese erforderlich, die möglichen Aufschluss über den
mutmaßlichen Willen des Patienten geben kann. Hierzu sind nach
Möglichkeit die nahestehenden Bezugspersonen und der Hausarzt
einzubeziehen, um Hinweise zu Grundeinstellungen des Patienten zu den
anstehenden Fragen zu erhalten. Pflegerische Belange mögen die
Entscheidung zur PEG beeinflussen, dürfen aber keinesfalls der alleinige
Entscheidungsgrund sein. Dies gilt auch für den Fall, dass ein Patient aus
einem Heim in unsere Kliniken zur Anlage einer PEG eingewiesen wird.

4.3. Bei dementen, mobilen Patienten, die durch ihre körperliche Aktivität
Lebenswillen zeigen, sich der Nahrungsaufnahme jedoch verweigern, müssen
folgende geklärt werden:

4.3.1. Gibt es mechanische Ursachen z.B. Zahnersatz oder medizinische
Ursachen z.B. Soor, Oesophagitis..., die zu beheben sind?

4.3.2. Liegt eine therapeutisch angehbare Depression vor oder eine
Nahrungsverweigerung, die aus Protest oder Zuwendungsmangel
hervorgeht?


5. Es kann bei der Entscheidung zur Anlage einer PEG im Einzelfall unterschiedliche
Meinungen zwischen Ärzten, Therapeuten, Pflegenden und Angehörigen geben, die die konkrete Entscheidung auf Station erschweren. In diesem Fall bietet sich das KEK an, durch Fallbesprechung auf Station zur möglichen Klärung beizutragen. Hiervon sollte vorbehaltlos Gebrauch gemacht werden.

Stand 02/2011


Wissenswertes zum Thema PEG

Dekubitus verhindern?
Lebensverlängerung durch die PEG?

Keine Evidenz, dass bei Patienten oder schwer Dementen eine Ernährung via PEG-Sonde den Ernährungs- und Hautstatus (Decubitus) verbessert oder gar das Leben verlängert wird.
Aspirationspneumonien treten nicht weniger auf.
Gillick, MR
Rethinking the role of tube feeding in patients with advanced dementia, N Engl J Med 2000; 342:206

Die Rhetorik des„ Verhungern und Verdursten lassen“ ist also nicht nur sachlich falsch und sollte aus dem klinischen Alltag und dem medizinischen Diskurs fern gehalten werden.
Ahronheim und Gasner 1990; Lacey 2004; Synofzik und Marckmann 2005

Sterberate von Demenzpatienten mit PEG:
1 Monat: 54 %
3 Monate: 78%
6 Monate: 81%
12 Monate: 90%
Sanders DS et al. ( 2000 )
Survival Analysis in Percutaneous Endoscopic Gastrostomy Feeding: Aworse Outcome in Patients with Dementia, The American Journal of Gastroenterologie

Mögliche Komplikationen?
  • - lokale Infektion, Undichtigkeit, Okklusion
  • - Durchfälle, Völlegefühl, Meteorismus, Erbrechen
  • - erforderliche Fixierung zur Sicherung der PEG, dadurch Erhöhung des Dekubitusrisikos
  • - hohes Blutungsrisiko

Psychosoziale Folgen:
  • - weniger persönlicher Kontakt mit Pflegenden
  • - Verzicht auf Geschmackserfahrung, Essen ist Lebensqualität

Logopädische Gesichtspunkte:
  • - PEG ermöglicht stressfreie Schluckübungen und ist einer Magensonde vorzuziehen, da diese für den Patienten unangenehmer ist und beim Schlucken stört
  • - PEG als vorübergehende Maßnahme genutzt, kann nach 2 Wochen oder später wieder entfernt werden

Demente und sterbensnahe Patienten:
  • - aufgrund verschiedener physiologischer Grundlagen verringert sich die Durst- und Hungerwahrnehmung
  • - palliativmedizinische Untersuchungen haben gezeigt, dass die Zufuhr von Flüssigkeit und Nahrung in dieser Lebensphase meist mehr Leid verursacht. Mit zunehmender Exsikkose reduzieren sich Übelkeit, Erbrechen, Ödeme, Dekubiti, Husten und Inkontinenz. Auch eine analgetische und sedierende Wirkung des Flüssigkeitsmangels wird beschrieben.
Grundsätze der BÄK zur ärztlichen Sterbegleitung 2004